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Heute vor 220 Jahren: Napoleon in Wittenberg

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Ein kaiserlicher Besuch mit weitreichenden Folgen: Napoleon machte Wittenberg wieder zur Festung.
Damals
Heute vor 220 Jahren, am 23. Oktober 1806, besichtigte der französische Kaiser Napoleon Bonaparte Wittenberg. Wenige Tage zuvor, am 14. Oktober, hatte seine Armee Preußen und Sachsen in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt geschlagen. Nun ließ Napoleon die strategisch an der Elbe gelegene Stadt erneut zur Festung ausbauen.
„Erneut“ ist dabei wörtlich zu nehmen. Wittenberg war lange eine Festungsstadt gewesen. Im Siebenjährigen Krieg wurde sie am 13. Oktober 1760 von der Reichsarmee so schwer beschossen, dass Schloss und Schlosskirche niederbrannten. Zuvor hatten die Preußen, die die Stadt seit dem 27. August 1759 hielten, die Vorstädte abgebrannt, um freies Schussfeld zu haben. Ein großer Teil der Häuser war zerstört, auch die ursprüngliche Thesentür war ein Opfer der Flammen geworden. Der Wiederaufbau zog sich hin: Erst am 6. August 1770 wurde das Schloss in spätbarocken Formen neu eingeweiht. 1764 hob die sächsische Regierung für die stark beschädigte Stadt das Festungsrecht auf. So steht es im Umweltbericht zum Bebauungsplan „Einkaufszentrum Arsenalplatz“, der auf der Website der Stadt mit einem ausführlichen Abriss der Stadtgeschichte veröffentlicht ist. Gut vier Jahrzehnte später kehrte das Militär zurück. Laut dieser Stadtgeschichte wurde die Stadt, „nachdem Napoléon am 23. Oktober 1806 die Stadt besichtigt hatte“, auf seinen Befehl „wieder zur Festung ausgebaut“.

Warum Wittenberg
Die Stadt lag an der Elbe. Seit 1787 führte dort wieder eine Elbbrücke über den Fluss, nachdem die alte Brücke im Dreißigjährigen Krieg zerstört worden war. Für eine Armee im Vormarsch war ein befestigter Platz an diesem Übergang ein fester Punkt im Rücken der Front.
Was Napoleon anordnete
Was der Ausbau konkret hieß, zeigen Napoleons eigene Briefe aus den Tagen danach. Am 26. Oktober 1806 schrieb er aus Potsdam an General Songis, er habe ihm bereits mitgeteilt, welche Bedeutung er dem Platz Wittenberg beimesse. Ohne Verzögerung seien rund dreißig der in Berlin gefundenen Kanonen sowie Mörser und Haubitzen dorthin zu schicken. In sechs oder sieben Tagen solle der Platz bewaffnet sein. Am 27. Oktober schrieb er aus Charlottenburg an General Chasseloup: „Erfurt, Wittenberg et Spandau, voilà les trois places qu’il faut mettre en état.“ Übersetzt: Diese drei Plätze müssen in Stand gesetzt werden. Am 28. Oktober wies er General Clarke an, leicht verwundete Soldaten nicht aus Erfurt Richtung Frankreich zurückzuschicken, sondern in Abteilungen zu 100 Mann nach Wittenberg und Spandau.
Was es für die Stadt bedeutete
Die Maßnahmen belasteten die Bevölkerung erheblich. Bürger mussten Truppen einquartieren und zu deren Versorgung beitragen. Wittenberg entwickelte sich in der Folge zu einem stark frequentierten französischen Durchgangs- und Garnisonsort.
Die Zahlen sind beachtlich. Laut der Stadtgeschichte im Umweltbericht zogen insgesamt 160.000 Franzosen durch die Stadt, 60.000 Soldaten waren ständig als Besatzung vor Ort. Die Kosten trugen die Wittenberger: Sie mussten, so der Bericht, „für die Versorgung aufkommen“.
Die politische Wende in Sachsen
Der Besuch fiel in eine Zeit, in der sich Sachsens Lage grundlegend änderte. Nach der Niederlage unterwarf sich der sächsische Kurfürst Friedrich August dem Kaiser. Am 11. Dezember 1806 schloss er Frieden mit Napoleon und trat dem Rheinbund bei. Napoleon erhob ihn daraufhin zum König von Sachsen. Von da an war Sachsen Verbündeter Frankreichs und unterstützte den Kaiser militärisch.
Was daraus wurde
Die Festung blieb kein Zwischenspiel. In den Befreiungskriegen rückte Wittenberg erneut in den Mittelpunkt. Der französische Kommandant Jean François Cornu de Lapoype, der die Kommandantur am 20. März 1813 übernommen hatte, ließ am 6. April die Häuser in den Vorstädten sowie Bäume und Zäune auf 900 Schritt niederreißen, um freies Schussfeld zu schaffen. Die Stadt wurde belagert und schwer beschossen. Laut Umweltbericht waren die Wasserversorgung zerstört und die Lebensmittel rationiert. Die Bewohner der Vorstädte waren teils schon am 5. April gewaltsam aus ihren Häusern vertrieben worden und konnten nicht einmal ihre nötigste Habe sichern. Nach der Schlacht bei Wartenburg verstärkten die Verbündeten ihre Angriffe, am 25. September kam es zum größten Beschuss der Stadt durch die Preußen. Anders als der Kommandant von Torgau lehnte Lapoype eine Kapitulation ab. Die Stadtgeschichte fasst die Lage knapp zusammen: „Zerstörung, Not, Elend, Krankheit und Hunger“ waren an der Tagesordnung. Erst die Erstürmung durch preußische Truppen beendete die französische Besatzung.
Für die Universität war der Krieg da schon das Ende in Wittenberg. Wie es dort aussah, beschrieb Professor Johann Gottfried Gruber am 6. April 1812: „Unsere Universitätskirche ist ein Heu- und Stroh-Magazin, unser Großes Auditorium in einen Pferdestall metamorphosiert.“ Er bekam meist zwei Offiziere samt Dienern ins Haus, seine Wohnung gleiche „einem Gasthofe“, und: „Alle Preise steigen.“ Die meisten Vorlesungen endeten gegen Ende März 1813. 1813 wich die Universität über Kemberg nach Schmiedeberg aus: Im April ging die Juristenfakultät nach Kemberg, im Mai nach Schmiedeberg, ab Juni folgten Mitglieder anderer Fakultäten.
Der kurze Besuch vom 23. Oktober 1806 hatte damit Folgen für Jahre. Aus einer Stadt, der man gut 40 Jahre zuvor das Festungsrecht genommen hatte, wurde wieder ein Waffenplatz. Und für die Menschen in Wittenberg bedeutete das vor allem eines: Soldaten im Haus, Lasten für die Versorgung und am Ende den Krieg vor der eigenen Tür.
Was meinst du: Wie viel Festung verträgt eine Stadt? Schreib es mir.
Was offen bleibt
Welche Anlagen Napoleon im Einzelnen für Wittenberg anordnete, ist hier nicht belegt: Eine Fachstudie zur napoleonischen Logistik (Brun, siehe weiterführende Literatur) nennt dazu Details, sie konnte für diesen Beitrag aber nicht im Original geprüft werden. Die Zahlen zu den durchziehenden Truppen stammen aus einer Sekundärquelle (Umweltbericht, Büro Petras/Berger/Krüger, 2009, veröffentlicht auf der Website der Stadt Wittenberg).
Quellen
Correspondance de Napoléon Ier, 16.–31. Oktober 1806 (Briefe an Songis 26.10., Chasseloup 27.10., Clarke 28.10.1806), histoire-empire.org (abgerufen am 23.10.2026)
Heinz Kathe 2002: Die Vereinigung der Universitäten Halle und Wittenberg 1815–1817, S. 51 (PDF, uni-wittenberg.de) (abgerufen am 23.10.2026)
LEUCOREA: Schlussphase und Universitätsvereinigung Wittenberg und Halle 1817 (abgerufen am 23.10.2026)
Weiterführende Literatur (nicht geprüft)
- Jean-François Brun: „Logistics in Napoleon’s campaigns“, Napoleonica® the journal 2025/3, Nr. 10, S. 21–57 (Cairn.info); französische Fassung: „La logistique dans les campagnes napoléoniennes“, Napoleonica. La Revue 2024/4, Nr. 51, S. 19–56 (Volltext für diesen Beitrag nicht abrufbar, Angaben daraus nicht übernommen)
Text unter Zuhilfenahme von KI erstellt.
Horidor