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- BEO-2026-053
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- der Fahrradfahrer
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Drogenkonsum in Nairobi: Was die Daten zeigen
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Text: der Fahrradfahrer
Ein Freund fragte, wie es um den Drogenkonsum in Nairobi steht. Anlass war ein ZDF-Beitrag über „Jaba Juice“, aber die Frage ist größer: Was wird in der Stadt konsumiert, von wem, wie verbreitet, mit welchen Folgen, was ist erlaubt und wo gibt es Hilfe? Ich habe dazu Erhebungen, Gesetze, Studien und Presseberichte gelesen. Selbst vor Ort war ich nicht.

Nairobi vom Nationalpark aus. Bildnachweis: Shadychiri, CC BY 4.0, Wikimedia Commons.
Kurze Einordnung
In Nairobi treffen legale Alltagsdrogen wie Alkohol und Khat auf einen Markt für Cannabis und, in kleinen Gruppen, für Heroin. Die Probleme sind sehr ungleich verteilt.
Überblick in Zahlen
Die beste Zahlenbasis ist die nationale Erhebung der NACADA, der kenianischen Behörde für die Kampagne gegen Alkohol- und Drogenmissbrauch. Sie wird alle fünf Jahre durchgeführt, zuletzt 2022, und befragt Menschen zwischen 15 und 65 Jahren in allen 47 Counties. Ausgewertet wurden 3.314 Interviews. Das ist eine Haushaltsbefragung: Wer auf der Straße lebt oder nicht antworten will, fehlt darin. Die Werte sind also eher Untergrenzen. „Aktueller Konsum“ meint dabei den Gebrauch in den letzten 30 Tagen.
Kenia insgesamt: Laut NACADA nutzten 2022 17,5 Prozent der 15- bis 65-Jährigen aktuell mindestens eine Substanz, das sind hochgerechnet rund 4,7 Millionen Menschen. Am weitesten verbreitet ist Alkohol (11,8 Prozent), danach Tabak (8,5), Khat (3,6) und Cannabis (1,9).

Aktueller Konsum (15 bis 65 Jahre), Kenia gesamt und Region Nairobi. Quelle: NACADA, National Survey on the Status of Drugs and Substance Use in Kenya 2022, Kurzfassung.
In Nairobi liegt der Anteil derer, die mindestens eine Substanz nutzen, mit 19,1 Prozent etwas über dem Landesschnitt. Mehrfachkonsum, also mehrere Substanzen gleichzeitig, liegt in Nairobi bei 8,4 Prozent, nach der Küstenregion mit 10,5 Prozent.
Die Substanzen einzeln
Alkohol, legal und illegal
Nairobi hat laut NACADA den höchsten Anteil beim industriell hergestellten, legalen Alkohol (10,3 Prozent). Beim gesamten Alkoholkonsum und beim illegal gebrannten Chang’aa liegen dagegen andere Regionen vorn, vor allem Western. Chang’aa ist ein traditionell destillierter Schnaps; das Alcoholic Drinks Control Act 2010 erlaubt solche Getränke nur mit Lizenz. Dasselbe Gesetz verbietet, Alkohol wissentlich an unter 18-Jährige abzugeben (Paragraf 28); darauf stehen bis zu 150.000 Schilling Geldstrafe, bis zu einem Jahr Haft oder beides. 67,4 Prozent der Befragten in Nairobi hatten den Eindruck, dass in ihrem Umfeld mehr Minderjährige trinken; das ist ein Wahrnehmungswert, keine Messung.
Regelmäßig in den Nachrichten ist der sogenannte „second generation“-Alkohol, billige Spirituosen in kleinen Beuteln oder Flaschen. Im März 2024 setzte die Regierung laut The Standard alle Lizenzen der Hersteller aus; sie mussten sich neu bewerben.
Das tödlichste Risiko ist gepanschter Alkohol. Methanol, ein billiger technischer Alkohol, wird manchmal zugesetzt, um Getränke stärker zu machen; schon kleine Mengen können zu Blindheit und Tod führen. Im Mai 2014 starben nach einer Auswertung von Ärzte ohne Grenzen (PLOS One, 2016) in Zentralkenia 100 von 341 Vergifteten, im Juli 2014 in Westkenia 26 von 126. Die Regierung riet laut BBC von Alkohol aus Beuteln, Plastikflaschen und Kanistern ab. Die Daten sind über zehn Jahre alt. Im Februar 2024 starben im Kirinyaga-County laut Daily Nation mindestens 17 Menschen nach dem Konsum eines verunreinigten Getränks; ob Methanol die Ursache war, ist in den Berichten nicht belegt.

Methanolvergiftungen in Kenia 2014 (Daten von 2014, veraltet). Quelle: Rostrup et al., PLOS One 2016.
Khat, Miraa, Jaba, Muguka
Khat heißt in Kenia Miraa, umgangssprachlich auch Jaba; Muguka ist eine billigere und stärkere Sorte. Die Blätter enthalten die anregenden Wirkstoffe Cathinon und Cathin. In Nairobi kauen nach NACADA 4,9 Prozent der Erwachsenen aktuell Khat, landesweit 3,6 Prozent, hochgerechnet rund 965.000 Menschen. Ein ZDF-Bericht nennt 650.000 regelmäßig Konsumierende. Die Zahl dürfte anders definiert sein; eine Quelle nennt das ZDF dafür nicht.

Khatstrauch (Catha edulis). Bildnachweis: Katpatuka, gemeinfrei (Public Domain), Wikimedia Commons.
Khat ist in Kenia legal. Als drei Küsten-Counties im Mai 2024 Muguka verboten, erklärte Präsident Ruto die Verbote laut BBC für nichtig: Muguka sei nach dem Crops Act 2013 und den Miraa Regulations 2023 eine zugelassene Nutzpflanze. Neu ist, dass Khat in Nairobi auch als Saft verkauft wird. Ein Hersteller begann damit 2019 und vertreibt seine Flaschen über Spirituosenläden in Nairobi, Mombasa und Eldoret, berichtete Farmers Review Africa 2023. Für Säfte aus Khat gibt es laut dem Hersteller noch keine eigenen Regeln.
Cannabis
Auffällig ist vor allem Cannabis (in Kenia meist „bhang“ genannt). Mit 6,3 Prozent aktuellem Konsum liegt Nairobi weit vor allen anderen Regionen; Nyanza folgt mit 2,4 Prozent. Landesweit hat sich die Zahl der Cannabis-Konsumierenden laut NACADA innerhalb von fünf Jahren um 90 Prozent erhöht. Fast die Hälfte der aktuellen Konsumierenden (47,4 Prozent) stufte die Erhebung als abhängig ein.
Heroin und Injektionen
Heroin und Kokain spielen in der Haushaltsbefragung kaum eine Rolle; weniger als ein Prozent hat sie laut NACADA jemals genommen. In bestimmten Gruppen sind die Folgen aber schwer. Kenia liegt an der „Südroute“, über die afghanisches Heroin auf Daus über den Indischen Ozean nach Ostafrika kommt. Das UNODC schreibt allerdings, zuletzt gehe davon „little for Kenya“, das meiste nach Mosambik und Tansania. Die Mitgliedsländer berichten trotzdem von einer gefühlt steigenden Nachfrage, die sich mangels Daten schwer messen lasse.
Wie viele Menschen in Nairobi Drogen spritzen, lässt sich nur schätzen. Eine Kartierung des nationalen HIV-Programms NASCOP von 2018 (veröffentlicht 2024) kam landesweit auf rund 16.063 Menschen, die Drogen injizieren; 31 Prozent davon in Nairobi, 85 Prozent Männer, 11 Prozent unter 18 Jahren. Gezählt wurde nur, wer an bekannten Treffpunkten anzutreffen war. Ein Modellbericht der kenianischen Aids-Behörde NSDCC von 2024 rechnet mit einer nationalen Schätzung von 26.673.
Inhalanzien bei Kindern auf der Straße
Über Kinder auf der Straße gibt es wenig aktuelle Daten. Eine ethnografische Arbeit von 2010 aus Ruiru am Stadtrand von Nairobi beschreibt das Schnüffeln von Schusterkleber als Teil des Alltags. Die Kinder nutzen ihn gegen Hunger, Kälte und Scham. Die dort zitierte Zahl von über 60.000 Straßenkindern in Nairobi stammt von 2004 und ist veraltet.
Shisha und Tabak
Shisha ist seit Dezember 2017 verboten. Die Public Health (Control of Shisha Smoking) Rules untersagen Import, Herstellung, Verkauf und Konsum. Eine 2021 veröffentlichte Studie besuchte 200 Lokale in Nairobi: 81,5 Prozent hielten sich an das Verbot, in 16,5 Prozent wurde trotzdem Shisha geraucht, in Clubs häufiger als in Restaurants.
Wer konsumiert
Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen: Bei Männern war es jeder Dritte, bei Frauen jede Sechzehnte. Nairobi hebt sich vor allem bei Cannabis und legalem Alkohol vom Rest des Landes ab, Chang’aa ist dagegen in Regionen wie Western verbreiteter.
Junge Erwachsene an Hochschulen konsumieren auffallend häufig. In einer Studie unter Erstsemestern der University of Nairobi (PLOS One, 2020, Daten 2018/19) hatten 25,4 Prozent schon einmal Alkohol oder andere Substanzen genommen; Frauen seltener als Männer. Eine landesweite NACADA-Erhebung unter 15.678 Studierenden von 2024 fand für den letzten Monat: 26,6 Prozent mindestens eine Substanz, 18,6 Prozent Alkohol, 10,7 Prozent Cannabis und 10,2 Prozent Khat. Gesonderte Werte für Nairobi nennt die Kurzfassung nicht.

Studierende in Kenia, Konsum im letzten Monat. Quelle: NACADA, Status of Drugs and Substance Use among University Students in Kenya 2024, Kurzfassung.
Gesundheit und HIV
Für Menschen, die in Nairobi Drogen spritzen, ist HIV das größte Risiko. Eine Studie mit Daten von 2011 fand eine HIV-Prävalenz von 18,7 Prozent. Eine spätere Erhebung (BMC Public Health, 2021) kam für Nairobi auf 18,3 Prozent; bei Frauen lag der Wert bei 44,5 Prozent. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung waren es laut einer Studie von 2021 4,5 Prozent. Prävalenz bezeichnet den Anteil der Menschen, die zu einem Zeitpunkt infiziert sind.

HIV-Prävalenz im Vergleich. Quellen: BMC Public Health 2021 (Menschen, die Drogen spritzen), J Subst Abuse Treat 2021 (Gesamtbevölkerung).
Der NSDCC-Bericht von 2024 zählt Nairobi zu den Counties mit den meisten HIV-Neuinfektionen bei Menschen, die Drogen spritzen, neben Mombasa und Kilifi.
Recht und Polizei
Das zentrale Gesetz ist der Narcotic Drugs and Psychotropic Substances (Control) Act von 1994, zuletzt 2022 geändert. Besitz von Cannabis ist strafbar. Weist die Person nach, dass es nur zum Eigenverbrauch bestimmt war, drohen bis zu fünf Jahre Haft oder bis zu 100.000 Schilling Geldstrafe. Für andere Betäubungsmittel wie Heroin sieht das Gesetz schon bei weniger als einem Gramm mindestens fünf Millionen Schilling oder mindestens fünf Jahre Haft oder beides vor. Gerichte können zusätzlich eine Behandlung von mindestens sechs Monaten anordnen. Belastbare aktuelle Zahlen zu Festnahmen und Beschlagnahmungen in Nairobi habe ich in offiziellen Quellen nicht gefunden.
Hilfe und Schadensminderung
Kenia setzt auch auf Schadensminderung (englisch „harm reduction“): Angebote, die Gesundheitsschäden verringern, ohne Abstinenz vorauszusetzen. 2014 eröffnete am Mathari-Krankenhaus in Nairobi die erste Klinik des Landes für medikamentengestützte Behandlung (MAT) mit Methadon, 2017 folgte eine zweite im Ngara Health Centre. Laut dem Ciheb der University of Maryland, das beide mit aufgebaut hat, waren dort bis Januar 2021 insgesamt 2.262 Menschen aufgenommen, 1.137 kamen täglich. Die Kliniken bieten außerdem HIV-Tests, HIV-Therapie, Hepatitis- und Tuberkulosebehandlung sowie Hilfe bei Überdosierung. Das Grundprinzip beschreibt Ciheb so: Abstinenz sei keine Voraussetzung für Hilfe. Daneben gibt es Nadel- und Spritzenprogramme (Studie, 2021). Die Studie zu 679 HIV-positiven Menschen, die Drogen spritzen, zeigt den Nutzen: Mit Methadon waren 96 Prozent in HIV-Therapie und 78 Prozent hatten eine unterdrückte Viruslast, ohne Methadon waren es 87 und 65 Prozent.
Wer in Kenia Hilfe sucht, kann die kostenlose Hotline 1192 der NACADA anrufen. Sie ist laut Servicecharta der Behörde rund um die Uhr erreichbar und vermittelt Beratung und Therapieplätze; Ende 2025 meldete die NACADA nach einer Unterbrechung den vollen Betrieb der Hotline.
Ausblick
Kenia setzt zugleich auf Verbote und Lizenzsperren sowie auf Methadon und Spritzentausch. Die nächste nationale NACADA-Erhebung wäre turnusgemäß 2027 fällig und dürfte zeigen, ob der Cannabis-Anstieg anhält.
Was offen bleibt
Die NACADA-Erhebung 2022 ist die einzige große Datenbasis; wie sich Saft-Khat oder die Lizenzsperre von 2024 auf den Konsum ausgewirkt haben, misst bisher niemand.
Quellen
- NACADA: National Survey on the Status of Drugs and Substance Use in Kenya 2022, Kurzfassung (2023) – Link
- NACADA: Status of Drugs and Substance Use among University Students in Kenya 2024, Kurzfassung (2025) – Link
- NACADA: Service Delivery Charter (2026) – Link; Quarterly Edition No. 23 (2025) – Link
- Narcotic Drugs and Psychotropic Substances (Control) Act 1994, Fassung 2022 – Kenya Law
- Alcoholic Drinks Control Act 2010 – Link
- Public Health (Control of Shisha Smoking) Rules 2017 – Link
- UNODC: The Southern Route – Link
- Programmatic mapping of key populations in Kenya, 2018 (2024) – PMC
- NSDCC: Kenya Modes of Transmission Report (2024) – Link
- HIV bei Menschen, die in Nairobi Drogen spritzen, Daten 2011 – PMC; BMC Public Health 2021 – DOI
- Methadon und HIV-Therapie, J Subst Abuse Treat 2021 – PMC
- Ciheb/University of Maryland: MAT in Mathari und Ngara – Link
- Rostrup et al.: Methanol Poisoning Outbreaks in Libya 2013 and Kenya 2014, PLOS One 2016 – Link
- Alkohol- und Substanzkonsum bei Erstsemestern der University of Nairobi, PLOS One 2020 – Link
- Shisha-Verbot in Nairobi, Einhaltung (2021) – PubMed
- Lösungsmittel bei Straßenkindern in Ruiru, AJDAS 2010 – DOI
- Presse: BBC 2014 und 2024, The Standard 2024, Daily Nation 2024, Farmers Review Africa 2023, ZDFheute 2025 (nur Anlass)
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