Dienstag, 18. August 2026

De-Risking und China: Der Mittelstand zwischen Geopolitik und Kostenkalkül

De-Risking und China: Der Mittelstand zwischen Geopolitik und Kostenkalkül Einstieg De-Risking ist zu einem der meistgebrauchten Wörter der Wirtschaftspolitik geworden.
Von Grille 10. AUGUST 2026 3 Min. Lesezeit

De-Risking und China: Der Mittelstand zwischen Geopolitik und Kostenkalkül

Einstieg

De-Risking ist zu einem der meistgebrauchten Wörter der Wirtschaftspolitik geworden. Was auf dem Papier nach nüchterner Risikobegrenzung klingt, stellt für viele mittelständische Unternehmen eine harte Rechnung dar: Die politisch gewünschte Distanz zu China kollidiert mit jahrzehntelang gewachsenen Lieferbeziehungen. Eine aktuelle Studie des IfM Bonn zeigt, wie tief dieser Konflikt sitzt.

Ausgangslage

Die Handelszahlen belegen die Bedeutung Chinas für die deutsche Wirtschaft. 2025 importierte Deutschland Waren im Wert von 170,6 Milliarden Euro aus China — ein Anstieg von 8,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr (Destatis). Die Exporte in die Volksrepublik erreichten rund 81,3 Milliarden Euro, ein Rückgang um 9,7 Prozent. China bleibt damit trotz aller Diskussionen einer der wichtigsten Handelspartner.

Vor diesem Hintergrund untersuchte das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn die „Abhängigkeit des Mittelstands von Zulieferungen aus China“ (IfM-Materialien 314/2026, veröffentlicht März 2026). Die Ergebnisse sind ernüchternd.

Das Problem

Der Kernbefund der Autoren: De-Risking tauscht für den Mittelstand „geopolitische gegen betriebswirtschaftliche Risiken“. Wo Großkonzerne ihre Lieferketten umbauen können, stoßen kleinere Unternehmen an Grenzen. Langjährige Lieferantenbeziehungen lassen sich nicht von heute auf morgen ersetzen, die Kosten einer Verlagerung sind hoch — und an Kunden weiterreichen lässt sich die Rechnung kaum. Es handelt sich um die Position der Studienautoren, nicht um eine objektive Wahrheit. Sie deckt sich allerdings mit dem, was viele Betriebe berichten: Unternehmen investieren nach den Studienergebnissen viel Zeit in die Bewertung ihrer chinesischen Lieferanten, um Risiken überhaupt einschätzen zu können.

Hintergrund

Der Handlungsdruck ist real: China verfolgt eine aggressive Wirtschaftspolitik, setzt Industriesubventionen ein und nutzt den Zugang zu Rohstoffen als Druckmittel. Die EU wiederum erwägt Diversifizierungs-Vorgaben für Großunternehmen — Vorgaben, die auch kleine Zulieferer treffen könnten, die in die Lieferketten großer Konzerne eingebunden sind.

Hinzu kommen weitere Hürden, die einen Lieferantenwechsel erschweren: Umweltstandards, Sicherheitsauflagen, Lieferketten-Berichtspflichten und Neugenehmigungspflichten. Für einen Mittelständler bedeutet ein Wechsel damit nicht nur einen neuen Lieferanten, sondern einen bürokratischen Marathon.

Ergebnis und Einordnung

Am Ende steht ein Dilemma: Geopolitisch erscheint weniger Abhängigkeit wünschenswert, betriebswirtschaftlich ist sie für viele Unternehmen kaum leistbar. KMU-Verbände warnen entsprechend, die Politik müsse die Lage der kleineren Betriebe im Blick behalten, wenn sie Lieferketten umbauen will. Einfache Antworten gibt es nicht — weder in die eine noch in die andere Richtung.

Was man daraus mitnehmen kann

Der Mittelstand braucht Planungssicherheit statt pauschaler Forderungen. Wer Verlagerung will, muss realistische Übergangsfristen und zumutbare Bürokratie schaffen — und anerkennen, dass viele Unternehmen längst abwägen, aber nicht einfach umschalten können. Die IfM-Studie liefert dafür die Datenbasis: Sie zeigt, wo die Schmerzen liegen, statt die Schuld zu verteilen.

Quellen:

  • FAZ-Gastbeitrag zum De-Risking und zur China-Abhängigkeit des Mittelstands, 03.08.2026 (Position des Gastbeitrags, keine neutrale Tatsachenfeststellung)
  • IfM Bonn: „Abhängigkeit des Mittelstands von Zulieferungen aus China“ (IfM-Materialien Nr. 314/2026, März 2026)
  • nexuseuropa.eu — Warnung von KMU-Verbänden zu Diversifizierungs-Vorgaben